LICHT_RAUM_STOFF_MASCHINE

Ein Vermittlungsprojekt im Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung

 

Die Eigenschaften von Textilien und Stoffen und die Grundlagen von Gestaltung und Konstruktion an Kinder in den ersten Schuljahren zu vermitteln, war das Ziel dieses Projekts, das die Allegro-Grundschule, Jugend im Museum e.V. und das Bauhaus-Archiv/ Museum für Gestaltung gemeinsam veranstalteten – eine im Wortsinn naheliegende Kooperation, trennen die drei Einrichtungen doch jeweils nur wenige hundert Meter voneinander. Im Rahmen einer wöchentlichen „Bauhaus-AG“ forschten und konstruierten die Kinder von April bis Juli 2016 an insgesamt zehn Nachmittagen im eigenen Schulhort, in der Werkstatt des Bauhaus-Archivs, im umliegenden Stadtraum und im Museum. Konzipiert und geleitet wurde die „Licht_Raum_Stoff_Maschine“ – in deren Bau das Projekt gipfeln sollte – von den ArchitektInnen und MuseumspädagogInnen Ulrike Kuch und Nils Hauer. Gemeinsam mit der Künstlerin Gabriele Hulitschke und Holger Schmidt, dem Leiter des sozialpädagogischen Bereichs der Allegro-Grundschule, gelang es dem Projektteam, rund 15 Kinder der ersten, zweiten und dritten Klassen zum einen für die Arbeit mit Stoffen zu begeistern. Zum anderen, und grundsätzlicher, führte das Projekt den Kindern und ihren Eltern vor Augen, welch lohnenswertes Ausflugsziel sich da vor der Haustür befindet.

Ausgangspunkt des Projekts war die Sonderausstellung „Textildesign heute - Vom Experiment zur Serie“, die vom 16. März bis zum 5. September 2016 im Berliner Bauhaus-Archiv zu sehen war. Nach einem gemeinsamen Besuch der Ausstellung sprachen die KursleiterInnen mit den Kindern über das historische Bauhaus, dessen Zielsetzung, Ästhetik und Arbeitsweisen. Zur Veranschaulichung kreierten die Kinder im Anschluss aus weichem Draht und Stoffstücken kleine Stühle nach dem Vorbild der berühmten Freischwinger aus Stahlrohr, die Marcel Breuer (1902-1981) am Bauhaus entwickelt hatte. Vom Stahlrohr ging es nun weiter zu Stoffen und Textilien, die ebenfalls am Bauhaus Verwendung gefunden hatten. In einem ersten Schritt erforschten die Kinder anhand eigener Experimente deren Eigenschaften, Fähigkeiten und Einsatzgebiete. Was sind Stoffe überhaupt? Wie werden sie gemacht? Was unterscheidet sie von einander? Das eigene Erleben sollte im Mittelpunkt stehen. Also machte die Projektgruppe Brennproben mit unterschiedlichen Textilien, um herauszufinden, welche überhaupt brennen und welche nicht, und wie die einzelnen Proben dabei riechen. In einer Schüssel mit Wasser konnten die Kinder herausfinden, ob die Stoffe schwimmen, und unter dem Mikroskop oder der Lupe erkundeten sie den Aufbau verschiedener Textilien. Ihre Beobachtungen hielten die Stoff-Forscher in eigenen Zeichnungen fest.

Das so erworbene Wissen über die Materialien wurde dann in die Tat umgesetzt. Die Textilkünstlerin Gabriele Hulitschke vermittelte zunächst Grundlagen des Webens. Entscheidend dabei: Was soll mein Stoff können? Welche Eigenschaften soll er haben und wie lässt er sich herstellen? Dann ging das experimentelle Gestalten los: Die Gruppe bügelte Strohhalme, schnitt alte Fahrradschläuche und Schläuche aus PVC zurecht und verarbeitete diese und andere Materialien zu ganz unterschiedlichen Stoffen. Die Kinder bedienten sich dabei des so genannten Interlacing. Diese Methode erlaubt die unterschiedlichsten Möglichkeiten der Verbindung, dazu zählen Verknotungs-, Flecht-, Kleb- und Webtechniken. Angeregt durch den Besuch der Sonderausstellung, analysierten die Kinder ihre Ergebnisse. In welchem Verhältnis stehen jeweils lineares Element und Lücke zueinander, und wie steif oder biegsam, wie hart oder weich, durchsichtig oder blickdicht waren die selbst hergestellten Stoffe? Die eigenen Prototypen veränderten auch den Blick auf die Ausstellungsstücke im Museum. Bei einem weiteren Besuch nahmen die Allegro-Kinder die Exponate nun als Fachleute in Augenschein und kommentierten sie.

Auch beim Siebdruck kommt ein – durchlässiges – Gewebe zum Einsatz. Für alle Beteiligten sollte ein T-Shirt mit dem gemeinsamen Logo der „Licht_Raum_Stoff_Maschine“ deshalb im Siebdruckverfahren selbst produziert werden. Die Kinder entwickelten dafür zusammen mit Gabriele Hulitschke zunächst das Logo: Die Silhouette des Bauhaus-Archivs mit seinem markanten Sägezahndach, eine an Gewebe erinnernde Struktur, dazu die drei Bauhaus-Farben Rot, Gelb und Blau. Fortan war die in der Allegro-Grundschule nun schon als „Bauhaus-AG“ bekannte Gruppe, deren Zusammengehörigkeitsgefühl durch die gemeinsame Arbeit ohnehin beständig wuchs, schon an ihren T-Shirts zu erkennen.

Mittlerweile war es Sommer geworden und Zeit, vom Stoff zur „Licht_Raum_Stoff_Maschine“ fortzuschreiten. Inspiration holten sich die Schülerinnen und Schüler wieder im Museum, wo ein Nachbau von László Moholy-Nagys (1895-1946) 1930 vollendetem „Licht-Raum-Modulator (Lichtrequisit einer elektrischen Bühne)“ ihre Phantasie anregte. Außerdem schauten sie gemeinsam Ausschnitte aus dem 1924 entstandenen, experimentellen Film „L’Inhumaine“ („Die Unmenschliche“) des Franzosen Marcel L'Herbier (1888-1979), der von außergewöhnlichen Licht- und Raumeffekten lebt. Die ersten Skizzen von Maschinen entstanden in Form einer Mind Map. Die brütende Hitze – weit über 30 Grad – brachte die Kinder dann auf die Idee, dass ihre erste Maschine Eis hervorbringen sollte, und zwar auf dem bevorstehenden Fest der Allegro-Grundschule. Die Eismaschine – mit den Sorten Rot, Gelb, Blau – versorgte dann fast vierhundert Kinder beim Schulfest mit Eis. Sie wurde ein Anziehungspunkt des Schulfestes. Zunächst war jedes Kind eingeladen an einem Webrahmen ein Stück an einem Stoff weiter zu bearbeiten. Hernach durfte es sich eine Kugel in einer der drei Grundfarben auswählen und konnte diese in einen Trichter an der Maschine werfen. Schließlich spuckte die Maschine ein Eis in der gewünschten Farbe aus. Die in Gemeinschaftsarbeit gefertigte Webarbeit übergab die Projekt-Gruppe, gekleidet in die neuen T-Shirts, im Rahmen der Prästenation im Museum einer Mitarbeiterin des Bauhaus-Archivs als Dauerleihgabe.

Das Hauptziel dieses Projekts, die Kieznachbarn Allegro-Grundschule, Jugend im Museum e.V. und Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung in einen engeren Austausch zu bringen, wurde im Wortsinn spielend erreicht. Die Zahl der Kinder, die an dem Projekt teilnahmen, stieg über die Wochen kontinuierlich an, da sich insbesondere unter den Schülerinnen und Schülern der jahrgangsübergreifend unterrichteten Klassen schnell herumgesprochen hatte, wieviel Spaß diese „Bauhaus-AG“ machte. Insbesondere für jene Kinder, die das Bauhaus-Archiv und überhaupt Museen noch kaum besucht hatten, wurde das Projekt zu einer echten Entdeckung. Alle TeilnehmerInnen des Projekts erhielten einen Museumspass, der ihnen und ihre Familien ein Jahr lang freien Eintritt in das Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung ermöglicht.

Durch das eigene Experimentieren eröffnete sich den Kindern ein eigener Zugang zum Aufbau und zu den Eigenschaften verschiedener Stoffe. In zahlreichen Entwürfen und schließlich durch das gemeinsame Konstruieren und Gestalten einer eigenen Maschine übersetzten sie das im Museum Gesehene und in der Werkstatt Vorgeführte am Ende selbstständig in neue Objekte. Die Kindern lernten das Museum als spannenden Inspirationsraum für das eigene Experimentieren und das Verstehen kennen. Dies wurde auch gegen Ende deutlich, als die Kinder ihre Direktorin, Frau Flemig, durch die Ausstellung im Bauhaus-Archiv führten. Ein Schüler stellte überzeugt fest: „Das hier ist das beste Museum der Welt.“

Eine Kooperation von Jugend im Museum e.V., Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung und Allegro Grundschule. Gefördert durch den Projektfonds Kulturelle Bildung Berlin – Fördersäule 3 in Mitte.

Idee:  Ulrike Kuch, Nils Hauer, Holger Schmidt (Sozialpädagogischer Bereich der
Allegro-Grundschule), Katharina Stahlhoven (Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung) und Sandra Ortmann (Jugend im Museum e.V.)
Konzept und Leitung: Ulrike Kuch und Nils Hauer
Durchführung: Ulrike Kuch, Nils Hauer, Gabriele Hulitschke, Holger Schmidt
Antragsteller: Jugend im Museum e.V. mit dem Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung
Fotocredit: Nils Hauer und Piotr Bialoglowicz